Warum der Kanton Bern Hospize braucht

Unser Leben ist endlich. Und so selbstverständlich wir Strukturen für den Lebensbeginn geschaffen haben, so zurückhaltend sind wir noch immer, wenn es um das Lebensende geht.
Die Pflege und Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen gehört zur Grundversorgung. Sie ist keine Zusatzleistung, kein Luxusangebot und kein Randthema. Sie ist Ausdruck einer solidarischen Gesellschaft. In einigen Kantonen und Städten der Schweiz sowie im Ausland sind Hospize längst selbstverständlicher Bestandteil dieser Versorgung. Im Kanton Bern hingegen gibt es bis heute kein einziges Hospiz.

Dabei ist der Bedarf unbestritten.
Nicht alle Menschen am Lebensende benötigen ein Akutspital. Und selbst wenn ein Aufenthalt auf einer spezialisierten Palliative-Care-Abteilung notwendig ist, ist dieser zeitlich begrenzt. Sobald sich Symptome stabilisieren, erfolgt die Verlegung – das ist systembedingt. Gleichzeitig können oder wollen viele Betroffene weder zuhause noch in einer klassischen Pflegeinstitution betreut werden. Komplexe Krankheitsverläufe, belastende soziale Situationen oder das jüngere Alter – etwa bei Menschen vor der Pensionierung – machen deutlich: Es braucht einen dritten Ort.

Ein Hospiz ist ein solcher Ort.
Hospize bieten professionelle Pflege, spezialisierte Palliative Care, psychosoziale Begleitung und Raum für Angehörige. Sie schliessen eine Versorgungslücke – genau so, wie es die Palliativstrategie des Bundes vorsieht. Sie entlasten Spitäler, ergänzen die Langzeitpflege und ermöglichen Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt.
Im Kanton Bern befinden sich derzeit zwei Hospizpilotprojekte im Aufbau. Das ist ein wichtiger Schritt. Doch Pilotprojekte ersetzen keine strukturelle Lösung. Was fehlt, ist eine klare politische und finanzielle Verankerung.

Die heutige Pflegefinanzierung stellt Betroffene und ihre Familien vor grosse Herausforderungen. Neben Wohn- und Verpflegungskosten werden insbesondere die Zusatzkosten für komplexe Pflege und Betreuung nicht vollständig gedeckt. Der Löwenanteil bleibt bei den Betroffenen – oft ohne Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Für viele Familien bedeutet dies eine massive finanzielle Belastung in einer ohnehin existenziell schwierigen Lebensphase.

Der Bundesrat hat die Finanzierungslücke anerkannt. Doch konkrete, verbindliche Lösungen stehen weiterhin aus. Auch der jüngste Bericht zur Motion «Für eine angemessene Finanzierung der Palliative Care» bleibt vage und schafft keine gesetzliche Klarheit. Während andere Kantone – wie etwa das Wallis – bereits Modelle mit kostendeckenden Tagespauschalen kennen, fehlt im Kanton Bern eine nachhaltige Regelung.

Hospize sind keine Konkurrenz zu bestehenden Angeboten. Sie sind deren Ergänzung. Sie sind Ausdruck einer reifen Versorgungsstruktur. Und sie sind ein Zeichen dafür, wie wir als Gesellschaft mit Verletzlichkeit umgehen.

Es geht nicht nur um Strukturen und Finanzierung. Es geht um Menschen. Um Familien. Um Würde.
Wenn wir am Anfang des Lebens selbstverständlich investieren, sollten wir es auch am Ende tun.

 

Ihre

Claudia Zürcher-Künzi,
Geschäftsleiterin palliative bern   

 

 

 

Grossrats-Mittagessen zur Hospizversorgung

Wertvoller Austausch im Rathaus Bern

Am 5. März 2026 lud die Interessengemeinschaft Hospize Kanton Bern die Mitglieder des Grossen Rates im Rahmen der Frühlingssession zu einem Informationslunch ins Rathaus Bern ein. 56 Grossrätinnen und Grossräte nutzten die Gelegenheit, sich aus erster Hand über die aktuellen Entwicklungen der Hospizversorgung im Kanton zu informieren.

Im Zentrum standen die beiden Hospizpilotprojekte La Passerelle in Corgémont und das Hospiz Bern in der Stadt Bern. Das Hospiz Bern wird im Sommer seinen Betrieb aufnehmen, La Passerelle plant die Eröffnung ebenfalls im Jahr 2026. Darüber hinaus wurden die Planungen weiterer Erwachsenen-Hospize sowie die bisherigen Erfahrungen des Kinderhospizes allani, das seit rund anderthalb Jahren in Betrieb ist, vorgestellt.

Die IG Hospize Kanton Bern präsentierte ihre Analyse zur bedarfsgerechten Hospizversorgung. Diese geht davon aus, dass im Kanton Bern mit rund einer Million Einwohnerinnen und Einwohnern jährlich etwa 10'000 bis 11'000 Menschen sterben. Internationale Erfahrungswerte zeigen, dass rund 3–5 Prozent der Sterbefälle eine spezialisierte stationäre Hospizversorgung benötigen. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von zwei bis drei Wochen pro Person sowie internationaler Richtwerte von 8–10 Hospizbetten pro 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner ergibt sich für den Kanton Bern ein Orientierungsbedarf von rund 50 Hospizbetten für Erwachsene.

Diese Zahl bezieht sich ausschliesslich auf spezialisierte Hospizplätze und umfasst weder Betten der Akutversorgung noch der klassischen Langzeitpflege. Stationäre Hospize sind eine eigenständige Versorgungsform innerhalb der spezialisierten Palliative Care und können strukturell wie finanziell weder dem Spitalbereich noch Pflegeheimen gleichgesetzt werden.
Entscheidend ist daher nicht nur die Anzahl Betten, sondern der Aufbau einer klar verankerten, regional verteilten und nachhaltig finanzierten Versorgungsstruktur.

Der Anlass war geprägt von engagierten Gesprächen, differenzierten Fragen und einem interessierten Austausch zwischen Politik und Fachpersonen. Deutlich wurde: Die Berner Hospizversorgung bewegt – und es besteht ein breiter Konsens, gemeinsam tragfähige Lösungen für schwerstkranke, sterbende Menschen sowie ihre Angehörigen zu entwickeln.

 

 

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