Wenn Sie eine Sache ändern könnten, was wäre das? Die Antwort auf diese Frage verrät oft viel darüber, was einen Menschen im Innersten bewegt.
Wenn ich eine Sache ändern könnte, abgesehen vom Klimawandel und von der weltpolitischen Lage – würde ich mir wünschen, dass wir öfter klar aussprechen, was wir wirklich brauchen und was nicht (-mehr-).
Denn wer kennt das nicht: Auf ein simples «Wie geht es dir?» antwortet man ebenso simpel mit «Alles gut, merci». Auch dann, wenn es in uns ganz anders aussieht. Wenn wir müde sind. Überfordert. Oder Unterstützung brauchen könnten.
Der Satz «Ich brauche gerade…» wirkt einfach, jedoch steckt so viel darin: Mut, Klarheit, Selbstachtung. Und auch eine Einladung, füreinander da zu sein.
Gerade in schwierigen Zeiten fehlt oft die Kraft, genau das auszusprechen. Wer selbst in einer Chemotherapie steckt oder einen nahestehenden Menschen begleitet, hat häufig weder Energie noch Kopf frei, um Hilfe zu organisieren oder Wünsche zu formulieren.
Dann hören Betroffene oft den gut gemeinten Satz: «Melde dich, wenn du etwas brauchst.» Er ist freundlich gemeint, überfordert jedoch. Denn er überlässt die Initiative wieder jener Person, die ohnehin schon viel trägt.
Vielleicht liegt die Veränderung genau mittig: dass wir den Mut haben, unsere Bedürfnisse auszusprechen und gleichzeitig den Mut, andere konkret anzusprechen. Nicht nur «Melde dich», sondern zum Beispiel:
«Ich gehe morgen einkaufen, soll ich dir etwas mitbringen?» «Ich könnte dich nächste Woche zum Termin fahren.» «Ich habe Zeit zum Zuhören, passt es Dir heute Abend?»
Wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas sehr Wertvolles: echte Verbundenheit.
Genau davon handelt diese Ausgabe. Am Tag der offenen Tür im neuen Hospiz Bern haben Menschen jeden Alters auf der Dachterrasse gestanden und über das Sterben gesprochen, ernsthaft und auch erstaunlich leicht. Am 17. September fragen wir an der Netzwerkveranstaltung, wie aus Bruchstellen Nahtstellen werden. Und Ende Oktober trägt die «Woche zum Leben mit dem Tod» diese Gespräche wieder mitten in die Stadt, in den Kanton und sogar ins Land. Auch die Teilstrategien des Kantons gehören dazu: Sie regeln, ob konkrete Unterstützung überhaupt zur Verfügung steht, wenn jemand sie ausspricht.
In der Palliative Care wissen wir, wie wichtig genau das ist. Zuhören. Wahrnehmen. Da sein.
Mitten in Bern: Das Hospiz Bern hat am 15. August seine Türen geöffnet.
Am Samstag hat das Hospiz Bern in der Oranienburg an der Schänzlistrasse 15 seine Türen geöffnet. Als erstes stationäres Hospiz für erwachsene Menschen im Kanton Bern. Neun Einzelzimmer, ein spezialisiertes Team rund um die Uhr, offen für alle: unabhängig von Herkunft, Glauben oder finanzieller Situation.
Ein Haus voller Menschen
Von 10 bis 16 Uhr lud das Hospiz zum Tag der offenen Tür und die Bevölkerung kam. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher gingen durch die Zimmer und standen auf der Dachterrasse beisammen, die einen wunderbaren Rundumblick über Bern freigibt. Auffallend war die Altersdurchmischung: Familien mit kleinen Kindern, junge Erwachsene, Berufstätige in der Lebensmitte, Menschen im hohen Alter.
Und es wurde viel gesprochen. Über Sterben, über Tod, über Trauer ganz unverkrampft. Die Gesellschaft findet zu diesen Themen eine Sprache. Das kommt nicht von ungefähr: Bern ist die erste Compassionate City der Schweiz, und unter dem Motto «endlich.menschlich.» ist daraus eine schweizweite Bewegung für ein gemeinsam getragenes Lebensende geworden – lanciert aus Bern, getragen von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Bildung.
Seit 1844 am selben Ort
Vor dem Eingang der Oranienburg: Renate Gurtner, Präsidentin der IG Hospize Kanton Bern, mit den Berner Diakonissen Sr. Silvia und Sr. Ruth
Ein Bild dieses Tages erzählt die Geschichte fast von allein: Renate Gurtner, Präsidentin der IG Hospize Kanton Bern, zwischen den Berner Diakonissen Sr. Silvia und Sr. Ruth vor dem Eingang der Oranienburg. Über ihnen an der Backsteinwand das Medaillon des Diakonissenhauses Bern, Jahrzahl 1844.
In jenem Jahr richtete Sophie von Wurstemberger genau hier ein Krankenasyl ein und begann, Frauen für die Pflege auszubilden, zu einer Zeit, als es dafür weder Beruf noch Ansehen gab. Die Tracht, so erzählt es die Hausgeschichte, verschaffte dieser Arbeit erst gesellschaftliche Anerkennung. 182 Jahre später steht daneben Renate Gurtner, Präsidentin des ersten Hospizes in Bern, in Sommerkleidung, die für dasselbe einsteht – mit den Mitteln von heute: Stiftung, Verein, Freiwillige, Politik.
Kein Kontrast also, sondern eine Fortsetzung: die alte Form des Dableibens und ihre neue, bürgerschaftlich getragene Gestalt. Am selben Ort, mit demselben Anliegen – dass niemand allein sein muss, wenn es darauf ankommt.
Was jetzt beginnt
Betriebsleiterin Verena Prebil bringt die Haltung des Hauses auf eine kurze Formel: «Bei uns zählt der Mensch.» Die Betroffenen bestimmen ihren Alltag selbst, Angehörige sind jederzeit willkommen und können übernachten. Angemeldet wird über Hausärztin, Hausarzt, Spital oder Spitex – Betroffene und Angehörige können sich auch direkt melden. Möglich sind zudem kurzfristige Entlastungsaufenthalte.
Trägerin ist die Stiftung Hospiz Mon Soleil Bern, Betreiberin die Hospiz Bern AG; Partner sind die Stiftung Diaconis, Spitex Bern und Domicil Bern. Das Hospiz ist ein kantonales Pilotprojekt, mitfinanziert bis Ende 2030 – und weiterhin auf Spenden angewiesen.
Gesundheitsstrategie 2020–2030: Stand der Teilstrategien
Der Kanton Bern informiert in seinem achten Informationsschreiben über die Fortschritte bei der Erarbeitung der sechs Teilstrategien zur Gesundheitsstrategie 2020–2030.
Am 1. April 2026 hat der Regierungsrat die Umsetzungsversionen der Teilstrategien «Langzeitversorgung (ambulant und stationär)» und «Palliative Care» verabschiedet – jeweils inklusive einer Beilage mit den Ergebnissen der Konsultation. Zudem wurde die Teilstrategie «Notfallversorgung mit Schwerpunkt Rettungswesen» auf Basis der eingegangenen Rückmeldungen überarbeitet; die aktualisierte Umsetzungsversion wurde am 1. Juli 2026 verabschiedet.
Aktuell in Erarbeitung ist die Konsultationsversion der sechsten und letzten Teilstrategie «Medizinische Versorgung (ambulant und stationär)». Das öffentliche Konsultationsverfahren dazu ist für das zweite Semester 2026 geplant – eine gute Gelegenheit, sich aktiv einzubringen.
Menschen fallen selten durch ein Angebot – sie fallen zwischen zwei. Genau dort setzt die diesjährige Netzwerkveranstaltung an: bei den Übergängen zwischen Spital, Hospiz, Pflegeheim, Spitex und Zuhause.
Wo Zuständigkeiten enden, entscheidet sich oft, ob eine Begleitung trägt, deshalb bringt der Nachmittag Fachpersonen aus allen beteiligten Bereichen an einen Tisch. Neben Impulsen aus der Praxis bleibt bewusst viel Raum für Austausch und Vernetzung, denn gute Nahtstellen entstehen dort, wo man einander kennt.
Im Herbst wird es wieder sichtbar: Unter dem Motto «endlich.menschlich.» tragen Installationen, Theater, Musik, Workshops, Spaziergänge, Rituale und Ausstellungen die Themen Sterben, Tod und Trauer in die Mitte des gesellschaftlichen Lebens.